
Die deutsche Wiedervereinigung kam im Gefolge
der Ereignisse von 1989 überraschend, aber nicht ganz unvorbereitet.
Auch innerhalb der Berliner Staatlichen Museen hatte es manche
Überlegung und manches Gespräch gegeben, wie die ihrer
Geschichte und ihrem Aufbau zuwiderlaufende Teilung, wann auch
immer möglich, zu überwinden wäre. Daher hat es
nicht lange gedauert, in einer Denkschrift Überlegungen "zu
den zukünftigen Standorten und zur Struktur" der 1992
auch administrativ vereinigten Staatlichen Museen zu Berlin festzulegen.
Die Denkschrift hat viele Mitarbeiter in Ost und West gehabt,
sie ist in einer gemeinsamen Direktorenkonferenz 1990 einstimmig
verabschiedet worden, aber sie wird mit den Namen der Generaldirektoren
Wolf-Dieter Dube und Günter Schade verbunden bleiben, die
ihre Grundzüge in der Folgezeit verwirklicht haben.
Zehn Jahre später wird deutlich, daß sich diese Denkschrift
vor allem mit der Ordnung der Standorte der Staatlichen Museen
beschäftigt hat, eine Frage, die angesichts der anstehenden
Vereinigung der nahezu in allen Fällen doppelt existierenden
Museen vordringlich war. Weniger hat man sich damals einer Strukturreform
zugewendet, die erst nach der Vereinigung der verschiedenen aufgebauten
zentralen Verwaltungen und Werkstätten dringlicher geworden
ist. Was die Standorte anging, war man sich angesichts der Größe
der zu vereinigenden Sammlungen und angesichts ihrer Entwicklung
schon im beginnenden 20. Jahrhundert klar, daß die Zukunft
nicht in einem Haupt- und mehreren Nebenstandorten liegen konnte,
sondern nur in einer vorsichtigen Dezentralisierung innerhalb
der groß gewordenen Stadtlandschaft von Berlin. Dezentralisierung
sollte Entschränkung der Besucher- und damit der Verkehrsströme
heißen, aber auch Konzentration auf die drei historisch
gewachsenen und 1990 bereits existierenden Standorte in Berlin-Mitte
(Museumsinsel), Tiergarten (Kulturforum) und Dahlem. Dementsprechend
ist heute der Museumsstandort Dahlem Sitz des Ethnologischen Museums,
des Museums Europäischer Kulturen, des Museums für Indische
Kunst und des Instituts für Museumskunde. Das in den 90er
Jahren mit Vorzug ausgebaute Kulturforum am Tiergarten ist Sitz
der Gemäldegalerie, der Kunstbibliothek, des Kunstgewerbemuseums,
des Kupferstichkabinetts - Sammlung der Zeichnungen und Druckgraphik
und der Neuen Nationalgalerie; zugeordnet ist das Schloß
Köpenick als Abteilung des Kunstgewerbemuseums, die Sammlung
Berggruen in Charlottenburg als Abteilung der Nationalgalerie
und der Hamburger Bahnhof. Die Museumsinsel ist Sitz der Alten
Nationalgalerie, der Antikensammlung, des Münzkabinetts,
des Museums für Islamische Kunst, der Skulpturensammlung
und des Museums für byzantinische Kunst, des Vorderasiatischen
Museums; zugeordnet sind die vorläufig noch in Charlottenburg
untergebrachten Museen, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung,
Museum für Vor- und Frühgeschichte, sowie die Gipsformerei
und das Rathgen-Forschungslabor. Außerdem hat auf der Museumsinsel
das Zentralarchiv seinen Platz, während die Generaldirektion
am Kulturforum residiert.
Das größte Problem für die Staatlichen Museen
zu Berlin ist zur Zeit der außerordentlich unterschiedliche
Zustand ihrer Sammlungen, hirer Gebäude und hirer Ausstattungen.
Der größte Abstand besteht zwischen dem Neuen
Museum", das bekanntlich immer noch Kriegsruine des Zweiten
Weltkriegs ist, und der Gemäldegalerie am Kulturforum, die
1998 mit dem technisch modernsten Standard eröffnet worden
ist; dazwischen liegen alle Grade der Sanierungs- und Renovierungsbedürftigkeit
auch der nach dem Krieg wiederhergestellen oder neu errichteten
Gebäude in allen Teilen der Stast. Der Zustand der Magazine
reicht von der noch immer benutzten notdürftigen Herrichtung
aus der Nachkriegszeit im Pergamonmuseum bis zur Klimatechnisch
vollausgerüsteten Studiengalerie am Kulturforum. Der Zustand
der Objekte reicht vom Ausgrabungsbefund, in dem sich manche archäologischen
Gegenstände seit ihrer Verbringung nach Berlin zu Beginn
dieses Jahrhunderts immer noch befinden, über die während
des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen Angegriffenen Altrestaurierungen
des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts (z.B. an Pergamonaltar
und Markttor von Milet) bis zu den während der 90er Jahre
abgeschlossenen Arbeiten an Statuen uns Gemälden, die modernsten
Anforderungen genügen (z.B. Skulpturen der rotunde des Alten
Museums oder Ausstellungsgut der Gemäldegalerie). Die auf
der Museumsinsel und in Dahlem Anstehenden Gebäudesanierungen
müssen von umfangreichen Bestandsrestaurierungen begleitet
werden, und zwar nicht nur an den für dir Neuaufstellungen
vorgesehenen Objekten, sondern in unterschiedlichem Ausmaß
auch in den Magazinen.
Immerhin ist soviel deutlich, daß die archäologischen
Sammlungen in den kommenden Jahren ihre Neuaufstellung in den
nach und nach zu sanierenden Gebäuden auf der Museumsinsel
finden werden, daß die neuere Kunstgeschichte weitgehend
am Kulturforum zu finden sein wird und die außereuropäischen
Kulturen in Dahlem. Unter den ungelösten Problemen ist derzeit
das schwerwiegendste die Trennung der Skulpturensammlung, für
die das Bodemuseum auf der Museumsinsel hergerichtet wird, von
der Gemäldegalerie, die 1998 glanzvoll am Kulturforum eröffnet
worden ist.
Die bauliche Hauptaufgabe für das gerade angebrochene Jahrzehnt
muß nach Bekundung aller damit befaßten politischen
Stellen der Wiederaufbau der Museumsinsel sein. Auch deren Gebäude
befinden sich in sehr unterschiedlichem Zustand: die Alte Nationalgalerie
wird derzeit renoviert und kann 2001 wiedereröffnet werden;
das Bodemuseums an der Spitze der Museumsinsel ist im Umbau und
soll bis 2004/05 wiedereröffnet werden. Das Pergamonmuseum
ist trotz mancher Beeinträchtigung noch für die Besucher
geöffnet und soll ab 2005 saniert werden. Das Neue Museum
ist noch immer Kriegsruine, die Pläne für den Wiederaufbau
sind fertig, der Baubeginn ist auf 2001 festgesetzt. Das Alte
Museum - immer wieder gelobte Krone der Museumsarchitektur - braucht
ebenfalls eine grundlegende Sanierung, die aber nach den derzeitigen
Finanzplänen erst ab 2007 realisiert werden kann.
Außer einem Architekten für die Sanierung des Pergamonmuseums
sind für alle Bauten die Architekten bereits ausgewählt
und unter Federführung des Bundesamtes für Bauwesen
und Raumordnung an der Arbeit. Die Architekten Heinz Tesar (Bodemuseum),
David Chipperfield Architects (Neues Museum) und Heinz Hilmer
- Christoph Sattler (Altes Museum) haben im Auftrag des scheidenden
Generaldirektors W.-D. Dube 1998/99 einen Masterplan für
die Gesamterschließung der Gebäude auf der Museumsinsel
und ihre städtebauliche Einbindung vorgelegt. Der Masterplan
geht davon aus, daß die denkmalgeschützten Gebäude
alle als Solitäre erhalten bleiben und durch eine unterirdische
Verbindung ihrer Höfe von einem neu zu errichtenden Eingangsgebäude
am Kupfergraben aus erschlossen werden. "Diese Passage mit
klarer Achsialität reicht von Schinkels Altem Museum bis
zum Bodemuseum. Als direkteste und einzig behindertengerechte
Verbindung zwischen den verschiedenen Museumsgebäuden bietet
sie zugleich einen Anschauungsraum für die Kulturleistung
der archäologischen Wissenschaften, das Freilegen der Menschheitsgeschichte
unter der Erdoberfläche. In der weiträumigen Unterwelt
die archäologischen Passage werden in vielfach wechselnden
Verbindungen der unterschiedlichen archäologischen Sammlungen
Zentralthemen solcher Kulturüberlieferungen und kultureller
Gedächtnisarbeit von der Schriftentwicklung über die
geradezu gigantische archäologische Bibliothek der Berliner
Museen auf Papyri, Tontafeln und antiken Steininschriften bis
hin zu den unterschiedlichsten Formen der Sepulkralkultur ausgebreitet."
(Peter-Klaus Schuster)
Auch wenn die einzelnen Gebäude der Museumsinsel in Zukunft
ihre einzelnen Eingänge behalten, wird die "archäologische
Promenade" die wesentliche Erschließung der Gebäude
bieten. Nach den derzeitigen Planungen wird sie schon in den Rundgängen
des Alten Museums mit einer eigenen fächerübergreifenden
Ausstellung zum antiken Menschenbild anklingen. Im Übergang
zwischen Altem und Neuem Museum wird der Besucher in der Promenade
den fächerübergreifenden Ausstellungsbereich "Schrift
und Schreiben" erreichen, in dem er den Charakter des Wissensspeichers
der archäologischen Sammlungen erfahren kann. Die archäologische
Promenade erreicht das Neue Museum am griechischen Hof, in dem
die großflächigen Mosaiken der Antikensammlung zu sehen
sein werden. Sie leiten hinauf in die Ausstellungsbereiche von
"Vaterländischem Saal" und "Römischem
Saal", d.h. unmittelbar nach oben in die Ausstellungsbereiche
des Museums für Vor- und Frühgeschichte, in deren fächerübergreifende
Dauerausstellung "Das römische Imperium" sowie
in den kulturgeschichtlichen Rundgang im Obergeschoß.
Die archäologische Promenade im Neuen Museum führt neben
der Darstellung der altägyptischen Kulturgeschichte weiter
zu dem fächerübergreifenden Ausstellungsbereich "Tod
und Auferstehung" mit Dominanz der ägyptischen Sammlungen,
um den Totenkult als Fundbasis der archäologischen Sammlungen
erfahrbar zu machen. Von dort wird der Besucher den Weg über
den Ägyptischen Hof in die weiteren Ausstellungsbereiche
des Ägyptischen Museums gehen können. Wie im Alten Museum
haben die beiden Höfe des Neuen Museums wichtige Verbindungsfunktionen
zu den in den oberen Geschossen ausgebreiteten Sammlungen.
Die archäologische Promenade führt über den Gelenkraum,
der den Zugang von und zum neuen Eingangsgebäude ermöglicht,
ins Pergamonmuseum, wo in einer noch zu bestimmenden Zuordnung
zum Süd-, Ost- und Nordflügel eine "Einführung
in die antike Architektur" als fächerübergreifender
Ausstellungsbereich die unmittelbare Verbindung zu den darüber
befindlichen Ausstellungen von Vorderasiatischem Museum, Ägyptischem
Museum, Antikensammlung und Islamischem Museum ermöglichen,
von denen Vorderasiatisches und Islamisches Museum in den Obergeschossen
von Süd- bzw. Nordflügel die jeweiligen kulturgeschichtlichen
Rundgänge bieten. In diese eingeschlossen werden die fächerübergreifenden
Ausstellungsbereiche "Handwerk und Technik" mit Dominanz
des Vorderasiatischen Museums bzw. "Ornamentik" mit
Dominanz des Islamischen Museums.
Eine besondere Überleitung ist in der archäologischen
Promenade für den Bereich unter der Stadtbahn gedacht: Wenige
Kunstwerke aus allen an der Ausgestaltung der archäologischen
Promenade beteiligten Museen sollen das fächerübergreifende
Thema "Kunst des Erinnerns - Erinnerung in der Kunst"
erläutern, ehe die archäologische Promenade mit demselben
Thema in der zweischiffigen Halle unter der Basilika des Bodemuseums
mit Denkmälern der Grabeskunst von der Spätantike bis
um 1800 (Grabmal des Grafen von der Mark) endet. Von dort wird
der Besucher in die oberen Geschosse mit den Rundgängen zur
Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters und zur neueren
Kunstgeschichte gelangen.
Diese Verbindung der Einzelgebäude auf der Museumsinsel hat
zwei Voraussetzungen: ein neues zentrales Eingangsgebäude
am Kupfergraben, das die Hauptservicefunktion inklusive Foyer,
Information, Auditorium, Sonderausstellungsraum, Restaurant und
Museumsshop übernimmt, sowie die sogenannten Museumshöfe
jenseits des Kupfergrabens, auf denen die wichtigsten Infrastruktureinrichtungen
der Museen inklusive Verwaltung, Werkstätten, Bibliotheken
und Depots untergebracht werden können. Die Vollendung "bei
laufendem Betrieb" (bisher war daran gedacht, stets mindestens
zwei Gebäude für die Besucher offen zu halten) setzt
eine gesicherte Finanzierung und eine äußerst genaue
Baulogistik voraus. Die Aufnahme der Museumsinsel in die Liste
des Weltkulturerbes der UNESCO mit der Übergabe der Urkunde
in der Rotunde des Alten Museums am 10.3.2000 hat uns dafür
Mut gemacht. Die Berliner Museen wünschen sich für das
Kulturforum und für Dahlem nun entsprechende Vollendungspläne.
W.-D. Heilmeyer